Archäologie, Museen und Sachbücher

von Andres Furger

Drei Schwerpunkte bestimmten mein berufliches Leben. Es begann mit der Archäologie der Kelten und Römer, führte zum praktischen Museumsmann und zum weiter forschenden Kulturhistoriker mit Schwergewicht Pferd und Wagen der Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert. Zu diesen Themenkreisen entstanden verschiedene Bücher und Artikel, darunter „Die Helvetier“, einige Publikationen zum Schweizerischen Nationalmuseum sowie das zweibändig Werk „Kutschen Europa“ oder die „Fahrkunst“. Einige neuere Arbeiten sind – wie auch gewisse ältere, vergriffene Publikationen - als eBooks oder ePapers abrufbar www.academia.edu oder www.andresfurger.ch/publikationen-und-ebooks


Die Entdeckung des Murus Gallicus in Basel

Im Sommer 1971 wird auf dem Basler Münsterhügel an der Rittergasse der Murus Gallicus, die keltische Stadtmauer, entdeckt. Diese belegt erstmals eine Zeitstellung der Keltensiedlung auf dem Münsterhügel zwischen der älteren Flachsiedlung am Rhein (Siedlung Basel-Gasfabrik) und der Zeit der römischen  Okkupation.

Ur- und frühgeschichtliche Archäologie wurde in der Schweiz der Zwischenkriegszeit allmählich zu einer Wissenschaft, vor allem die provinzialrömische Archäologie. Die Römer wurden damals als „unsere kulturellen Vorgänger“ gesehen. Ein Exponent der ersten Stunde war in Basel Rudolf Laur (1898 bis 1972), der in den dreissiger Jahren sein Brot auch noch als Lehrer verdiente. Mein 1917 geborener Vater, Hans-Peter Furger, war am Naturwissenschaftlich-Mathematischen Gymnasium Schüler eben  dieses frühen Forschers. Derselbe nahm in den Ferien interessierte Schulbuben mit nach Vindonissa auf seine Ausgrabungen. Übernachtet  wurde im  Bauernhaus dessen Vaters in Bözen, Ernst Laur, dem bekannten Direktor des Bauernverbands („Schweizerart ist Bauernart“). Von diesem Volkstribun hatte Rudolf Laur offenbar sein   Kommunikationstalent geerbt, das auch meinen Vater in Bann zog; er wollte Archäologe werden, musste aber dann einen weniger brotlosen Beruf ergreifen und wurde Chemiker. Aber er begeisterte in der Folge später mich, den jüngeren Sohn (und mit ihm auch meinen Cousin Alex Furger, später Leiter der Ausgrabungen und des  Museums in Augst) für die Archäologie. Als junger Schüler schon war mir dann klar: Ich werde Archäologe. Es war die Zeit, als Bücher wie „Götter, Gräber und Gelehrte“ von 1949 sowie „Und die Bibel hat doch recht“ von 1955 Bestseller waren und auch von mir verschlungen wurden. Mein Vater legte für den jungen Gymnasiasten ein Wort bei Rudolf Laur ein, mittlerweile Chef in Augst, und ich konnte bereits als 15jähriger an Grabungen in Augst teilnehmen.

Die Entdeckung des Murus Gallicus

Sommer 1971 an der Rittergasse 5 in Basel: Die alte Turnhalle von 1887 soll abgerissen werden. Der Kantonsarchäologe Rudolf Moosbrugger bekommt für die Monate August und September Zeit, den Boden zu untersuchen. Er hat die gute Idee, die Grabung vor dem Abriss der Halle durchzuführen und die Halle gewissermassen als  Schutzdach zu nutzen. Der Schreibende ist als Student dabei. Er erfüllt sich seit 1969 seinen Jugendtraum, Archäologe zu werden, nachdem er sich zunächst in anderen Fächern umgesehen hat und schon auf der Löwenburg bei Pleigne im Jura bei Elisabeth Schmid erste studentische Gehversuche im Ausgrabungssektor machen konnte.

Der Holzboden der Turnhalle wird als erstes herausgerissen. Darunter kommt im nördlichen Teil nichts als Kies zum Vorschein, nur im vorderen Bereich, gegen den alten bekannten Befestigungsgraben hin, ein Paket von Kulturschichten. Der Kantonsarchäologe lässt die genannte, in Sedimentanalyse bewanderte Elisabeth Schmied,  Leiterin des Labors für Urgeschichte, kommen. Sie glaubt im hoch liegenden rötlichen Kies eher natürlich abgelagertes Material zu erkennen. Was aber ist mit den  verschiedenen hohlen Gängen im Kies, eine gute Handbreit weit und ziemlich gerade verlaufend? Es könnten Fuchsgänge sein, war zunächst die Meinung. Wir machten uns enttäuscht mit einem raschen Ende der Grabung und damit des Ferienjobs vertraut.

Bis dann der junge Grabungstechniker Christian Bing aus Neugierde eines Tages mit dem Arm tief in einen dieser Fuchsgänge greift, einen langen festen Gegenstand
umfasst – und herauszieht. Es ist ein stark verrosteter Nagel! Jetzt macht es Klick! Von der humanistischen Ausbildung her kannte man die Schilderung Caesars in seinem Bellum Gallicum VII 23 der keltischen Wallanlagen, genannt Murus Gallicus. Die Sensation war perfekt! Schon vorher waren einige solche Nägel gefunden worden, direkt unter dem Turnhallenboden allerdings, und man hatte sie zunächst für neuzeitliche Zimmermanns-Nägel gehalten.


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Hohlräume der Balkengitter des Murus Gallicus an der Rittergasse mit grossen Nägeln (helle Punkte) an den Kreuzungspunkten.


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Eckpartie der Steinfront des Murus Gallicus im Torbereich unmittelbar neben dem Fundament der neuzeitlichen Turnhallenmauer an der Rittergasse 5 1971.

Die weitere Untersuchung der Wallanlage ergab aufgrund der Balkenhohlräume einen Gitterrost mit deutlichen Brandspuren im Frontbereich und die Ecke einer   Toranlage in Form von Trockenmauern zur Rittergasse hin, knapp vor dem Fundament der Turnhalle erhalten. (Die Rittergasse war schon in keltischer Zeit die Hauptachse der Siedlung gewesen.) - Wie stolz waren wir, bei dieser Entdeckung dabei sein zu dürfen, Feuer und Flamme. Bei Abwesenheit des Chefs durfte ich das Grabungs-Tagebuch schreiben. Schliesslich übergab mir der Kantonsarchäologe grosszügig die wissenschaftliche Auswertung der Grabung. 1972 sollte ich dann bereits die daneben liegende Grabung des Bischofshofs leiten. Ein Jahr später wurde ich erstmals Vater und wollte mein Studium rasch mit dem Lizentiat abschliessen. Das Thema der  Prüfungsarbeit war die eben sicher nachgewiesene keltische Siedlung auf dem Münsterhügel.

Der lange Schatten der Römer

Dass der Nachweis eines keltischen Oppidums (stadtähnliche Anlage der Kelten) so lange gedauert hatte, ist auch mit der schon genannten Römerbegeisterung bis ins mittlere Drittel des 20. Jahrhunderts zu erklären. Die von Rudolf Laur angeschobene baslerische 2000-Jahrfeier von 1957, die sich auf Augst bezog, wurde zum  Grossereignis. Obwohl der nüchterne Felix Staehelin schon im Jahre 1922 ein Basler Oppidum postuliert hatte, dauerte es fast 50 Jahre bis zum Nachweis des keltischen Ursprungs der Siedlungen auf dem Münsterhügel. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der nachfolgenden Zeit der schnellen Fortschritts lagen die Römer besser im Zeitgeist (zu Laur und den Römern siehe „Die Schweiz zur Zeit der Römer“ bes. S. 306ff.).


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Pause während der Grabung beim Bischofshof an der Rittergasse im Jahre 1972.


Derkeltische Münsterhügel und die altbekannte Flachsiedlung unter dem Novartis-Campus

1973stand im Rahmen meiner Lizentiatsarbeit die Auswertung der Murus- Gallicus-Ausgrabung an. Die Kultur der Kelten hatte durch die 68er-Bewegung Auftrieb erhalten, die imperialen Römer sah man auch von einer anderen Seite. Eine entscheidende Frage an die beginnende Fundauswertung war das zeitliche Verhältnis der grossen Flachsiedlung direkt am Rhein zur neu entdeckten Anlage auf dem Münsterhügel. Rudolf Mossbrugger dachte zunächst an eine zeitgleiche Fluchtburg. Alles war offen: zeitgleich, älter oder jünger?

Die systematische Analyse der Funde aus den untersten Schichten des Münsterhügels ergab bei verschiedenen Gattungen Unterschiede. Dabei nahm ich mir auch die Münzen aus beiden Basler Keltensiedlungen vor, wenn sich auch die Numismatiker als eigene Gilde verstanden. Erste Auswertungen ergaben eine spätere Zeitstellung der neuen Funde gegenüber „Basel-Gasfabrik“, die demnach Jahrzehnte von der römischen Okkupation zurückgeschoben werden musste. Ich kam zu einer Datierung vor dem gallischen Krieg (ab 58 v. Chr.). In der Flachsiedlung wie auf dem Münsterhügel dominierten allerdings schon gegossene Münzen aus „Potin“, einer Bronzelegierung, das Münzspektrum, allerdings mit verschiedenen Münzbildern. Jetzt gab es ein Problem, denn die Potinmünzen wurden von der dominierenden französischen Forschung unter Leitung des Adligen Jean-Baptiste Colbert de Baulieu, einem Nachkommen des berühmten Colbert des Louis XIV, pauschal als nach der den casarischen Feldzügen in Gallien ausgegebenes „Notgeld“ verstanden. Diesem einflussreichen „dirécteur C.N.R.S.“ und seinem Gefolge musste ich mich jetzt als aufmüpfiger Student mit meiner Frühdatierung und einer verfeinerten Typologie von Varianten stellen, die ich mit guten Gründen früher als 58 v. Chr. zu datieren wagte.

Die Untersuchung der keramischen Funde zeigte zudem, dass in den untersten Schichten auf dem Münsterhügel bereits neue Keramikformen auftraten, wie sie in der Flachsiedlung der mittleren und späten Latènezeit (Eisenzeit) nicht auftraten, vor allem so genannte Dolien, eine Art Vorratsgefässe. Ich kam also zum Schluss, dass der Münsterhügel nach dem Ende der Flachsiedlung zur dominierenden Keltensiedlung am Basler Rheinknie wurde. Diese Bestimmung gilt bis heute.

Meine absolute Datierung von damals allerdings wird heute anders gesehen. Ich sah früher einen Wechsel in Zusammenhang mit dem Auszug der Helvetier und Rauriker
von 58 v. Chr. als wahrscheinlichsten Zeitpunkt für den Siedlungswechsel an. Seit der Beginn der mittleren Latènezeit international früher angesetzt wird, verschieben sich die Laufzeiten der Basler Siedlungen um rund 30 Jahre, der Wechsel zum Münsterhügel wird heute schon für die Zeit um 80 v. Chr. angenommen. Wieder sucht man nach historischen Korrelationen und bringt heute die literarisch überlieferte Konfliktsituation nach der Zuwanderung von Germanen (Ariovist) ins Oberrheingebiet mit ins Spiel, wenn auch der archäologische Nachweis dazu fehlt.


Weitere Grabungen 1976 im Hof des Rittergasse-Schulhauses

1971 musste bei der Ausgrabung des Murus Gallicus alles sehr schnell gehen, vieleFragen blieben offen. Denen konnte im Jahre 1976 durch Nachgrabungen  imgegenüber liegenden Hof des Rittergasse-Schulhauses nachgegangen werden. Damals war ich Assistent an dem von Ludwig Berger geleiteten Seminar für Ur-
und Frühgeschichte. An dessen Domizil am Rheinsprung 20 („Zur Augenweide“) lag im Keller noch Grabungsmaterial aus der Zeit Rudolf Laurs, der dort das Institut für Urgeschichte gegründet hatte und in dessen verwaistem Büro ich arbeiten konnte. Das Grabungsmaterial wurde reaktiviert, nachdem in Werkzeugkisten entdeckte Schnapsflaschen dem noch im obersten Geschoss wohnenden, pensionierten Grabungszeichner aus alten Zeiten ausgehändigt waren.


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Nachgrabung im Bereich des Murus Gallicus 1976 im Hof des Rittergasse-Schulhause in der Tagespresse.
 
Die Nachgrabung brachte dann wesentliche neue Resultate. Die zwei breiten Suchschnitte ergaben gut erhaltene Reste des Keltenwalles jenseits des Tores. Die  Hohlräume der Balken mit Nägeln an den Kreuzungsstellen waren wunderbar erhalten. Die neuen Grabungen zeigten, dass die Front aus Trockenmauerwerk von
mächtigen Pfosten unterbrochen wurde, die durch Holzanker nach innen verstrebt waren. In Tornähe wurden zwei Reihen dieser Pfosten festgestellt und über
einem älteren Frontversturz und bis zu 150cm nach vorne versetzt eine jüngere Front, korrespondierend mit der zweiten Pfostenreihe. Im untersten Bereich
wurden – wie 1971 – Brandspuren entdeckt; offenbar war die ältere Toranlage einem Brand zum Opfer gefallen.

Die Spuren des Murus Gallicus waren hier so gut erhalten, dass wir sie mit Sand zuschütteten, damit sie später wieder freigelegt und zugänglich gemacht werden konnten. Dies ist einige Jahre später auch erfolgt. Heute befindet sich dort ein kleiner archäologischer Park.

Als 1979 im hinteren Teil des Hofs, mehr gegen die Bäumleingasse hin, im Profil nur eine Front des Walles festgestellt wurde, kam man dann eher zum Schluss einer einperiodigen Anlage in diesem Bereich.

 

Flächengrabung im Basler Münster 1974

Und die Geschichte der Aufhellung der Frühgeschichte Basel ging zügig weiter. 1974 musste wegen des Einbaus einer Bodenheizung im Basler Münster das Innere abgetieft werden. Beauftragter Ausgrabungsleiter war der renommierte Mittelalterarchäologe Hans-Rudolf Sennhauser aus Zurzach, der allerdings schon damals in einem Konflikt mit Exponenten der Basler Bodenforschung stand. Ich wurde gewissermassen der Kompromisskandidat für die Leitung der Untersuchung der vormittelalterlichen Schichten und Befunde. Das war für mich wieder ein Glücksfall, denn unter dem mittelalterlichen Kirchenboden und den römischen Fundamenten kamen unerwartet gut erhaltene Schichtpakete der frührömischen und spätkeltischen Zeit zum Vorschein, wie man sie vorher in Basel noch nie (und bis heute) gesehen hatte. Sie bestanden von oben nach unten aus einer

  • römischen Strasse,
  • einer grauen Lehmschicht mit Abdrücken einer Holzkonstruktion,
  • einer jüngeren spätekeltischen und
  • einer älteren spätkeltischen Strasse.

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Blick ins Basler Münster mit dem freigelegten ottonischen Boden; direkt darunter begannen die römischen und noch älteren Schichten; rechts die freigelegte keltische Strasse (helle Fläche) mit Pfostenspuren des vermuteten Sakralbaues.


Das Fundmaterial aus diesen Schichten konnte ich zusammen mit den Befunden im Rahmen einer Dissertation bearbeiten, bereits mit Hilfe von EDV übrigens. Damit wurden diese Horizonte bis heute zu Leitschichten der Münsterhügel- Forschung und Basel wurde zu einem Referenzort der europäischen Forschung zur spätkeltisch-frührömischen Übergangszeit. In der 1979 publizierten Dissertation wurde die Basler Siedlung auf dem Münsterhügel in den grösseren Zusammenhang gestellt. Der  Schlussatz der entsprechenden Passage S. 136 hat bis heute gewisse Gültigkeit behalten: „Wahrscheinlich ist die Befestigung des Oppidums nicht gegen einen  bestimmten Gegner angelegt worden, sondern wegen der allgemeinen unsicheren politischen Situation im mittleren Jahrhundertdrittel, in dem – wie wir von Caesar erfahren – die Kriegsparteien zum Teil jährlich wechseln konnten.“


Mediterraner Schub – langsam, aber sicher

Die archäologische Forschung lebt ja weitgehend von Abfall, vor allem von Tonscherben. Eine Konstante im keltischen Fundgut Basels ist die allmähliche Zunahme römisch beeinflusster oder aus dem Süden importierter Keramik. Heute weiss man, dass dahinter ein langer, graduell zunehmender Akkulturationsprozes steht. Dazu gehörte die Übernahme von römischen Trink- und Esssitten vor allem durch den keltischen Adel. (Diese Veränderung im keramischen Gut war wohl nur der Spiegel eines allgemeinen Phänomens, der sich dank der Keramikfunde besonders gut nachvollziehen lässt.)
Die Geschichte der Südeinflüsse beginnt in Basel mit dem Import von in Amphoren abgefülltem Wein schon im 2. Jahrhundert v. Chr., gefolgt von weiteren Flüssigkeiten wie Fischsaucen in Amphoren, auch aus Spanien. Dann kommen im mittleren Jahrhundertdrittel die schon genannten Dolien dazu. Sie stehen wohl ebenfalls mit veränderten Zubereitungssitten der Kelten in Zusammenhang. Ich vermutete schon einen Zusammenhang mit der Verwendung von importiertem Olivenöl, das vielleicht schon damals in der Küche die Butter teilweise zu ergänzen begann (vgl „Die Schweiz zur römischen Zeit, S. 60). Mit dem Olivenöls der römischen Zeit habe ich mich später in Zusammenhang mit der Cato-Nacherzählung „Übrigens bin ich der Meinung ...“ ausführlich beschäftigt


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Rückseite einer Potinmünze der keltisch-frührömischen Übergangsphase mit der Legende CANTORIX.


Der Übergang zu den Römern

Die Forschung ist sich bis heute einig, dass auf dem Basler Münsterhügel während etwa 50 Jahren eine blühende keltische Siedlung bestand. Deren Hauptachse war eine gut 10 Meter breite, quer durchs Münster verlaufende Strasse. In deren Mitte konnte mittels Pfostenspuren und einer Grube ein öffentliches Gebäude nachgewiesen werden, das wohl als Kultanlage diente, in der Opferhandlungen stattfanden. Dieser mehrperiodige Bau aus mächtigen Holzsäulen überlebte den Übergang von der spätkeltischen in die römische Zeit nicht. Die Strasse selbst wurde grossflächige mit einer grauen schlammigen Lehmschicht überdeckt, über die eine Holzkonstruktion zu liegen kam. Diese unterste römische Schicht enthielt neues Sachgut, ganz wenige römische Münzen, aber mehrere gegossene Münzen keltischer Art mit der Aufschrift CANTORIX. Diese Münzen mit einem keltischen Namen in lateinischer Schrift begann ich auszuwerten und kam zum Schluss, dass dahinter keltische Hilfskontingente im Dienste Roms zu sehen sind, die vor dem bisher gültigen Schlüsseldatum 15 v. Chr. am Rhein in Erscheinung traten.
Diese frührömische graue Schicht wurde mittlerweile auch in anderen Aufschlüssen auf dem Münsterhügel angetroffen, mit den entsprechenden Leitfunden. Besonders die Leitungsgrabungen von 1978/79 sind durch Eckhard Deschler-Erb ausgewertet und in den grösseren Zusammenhang gestellt worden. Die graue Leitschicht wurde auch mittels aufwändigen naturwissenschaftlichen Untersuchungen unter die Lupe genommen, die Andrea Hagendorn im Buch „Unter uns“ (S.209ff.) zusammenfasste. Demnach bestand während Monaten oder allenfalls Jahren hier keine Strasse mehr, sondern es bildete sich Vegetation. Erst danach kam ein neuer Bauschub, nämlich die Verlegung einer Balkenkonstruktion über dem Verlauf der überdeckten Keltenstrasse. Diese interpretierte ich noch als Substruktion eines „Langbaus“, heute aber wird sie mit entsprechenden Vergleichen als „Strasse mit Holzsubstruktion“ gedeutet.

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Stufenartig freigelegte Stratigraphie im Basler Münster von oben nach unten:
  • Augusteische Holzstruktur im grauen Lehm
  • Römische Strasse
  • Ecke des frührömischen Kellers
  • Spätrömisches Kieselfundament
  • Ottonischer Kirchenboden.

Es bleibt spannend

Für den Basler Münsterhügel ist die interessanteste Frage von kulturgeschichtlicher Bedeutung die – vereinfachend gesagt – nach dem Übergang von den Kelten zu den Römern. Kontinuität oder Diskontinuität? Während ich die Befunde und Funde unter dem Münster eher mit einem schroffen Wechsel von einer einheimischen urbanen Siedlung zu einer frührömischen Militärstation interpretierte, nimmt man zur Zeit eher einen weicheren Übergang an. Man geht von einem Nebeneinander römischer Militärpräsenz mit ziviler keltischer Bevölkerung hinter der Befestigung in der Zeit nach 52 v. Chr. (römischer Sieg bei Alesia) bis um die Zeitenwende aus. Ob diese Interpretation den Befunden und Funden auf längere Zeit standhält? Die mit grossem Aufwand erstellte Hauptstrasse der keltischen Siedlung wurde um 30 v. Chr immerhin zeitweise aufgehoben und überwucherte. Das spricht eher für eine temporäre Verödung derselben, also für Diskontinuität.
Die Interpretation von archäologischen Befunden ist, wie die Datierung der Funde, stets ein Prozess von verschiedenen Erklärungsmodellen. Umso wichtiger sind klare Thesen, die man beim nächsten Grabungs- und Auswertungsschritt bestätigen oder verwerfen kann. In der Regel werden dann Erklärungsmodelle gewechselt, wenn ein Generationenwechsel in der Forschungsszene stattfindet.
Seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis heute konnte die Archäologische Bodenforschung von Basel-Stadt auf dem Münsterhügel viele neue Aufschlüsse untersuchen, zusammen genommen insgesamt wohl eine grössere Fläche als in den Jahrzehnten zuvor. Eine erste Zusammenfassung der Resultate gibt das schon genannte Buch „Unter uns“ von 2008. Mit Spannung wartet man aber seit längerem auf die eigentliche wissenschaftliche Auswertung dieser wichtigen neuen Aufschlüsse.
Früher musste man schnell graben und publizieren, mit dem Nachteil des (im Vergleich zu Heute) pauschalen Vorgehens, versuchte aber zügig eine Synthese zum Stand des Wissens vorzulegen und damit den Diskurs der Forschung in Gang zu halten. Heute kann man länger untersuchen, mit dem grossen Vorteil, viel mehr Informationen sichern zu können, auch mit naturwissenschaftlichen Methoden. Damit verbunden ist der Nachteil der Schwierigkeit des Zusammenführens der vielen Informationen zu einem Ganzen, auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Spezialisierung der Akteure. Früher dauerte in Basel die Spanne zwischen Grabungsende und Publikation 5 bis 10 Jahre, heute 20 bis 30 Jahre! (Dafür enthalten die Publikationen in der Regel nicht mehr hunderte, sondern über Tausend Fussnoten...)
Zur Kommunikation der Grabungsresultate an eine breitere Öffentlichkeit gehört die Ausstellung der Funde und Befunde. 1981 konnten die neuen Grabungsresultate im Historischen Musem Basel in der Barfüsserkirche im Untergeschoss präsentiert werden, mit einem grossen anschaulichen Modell des Murus Gallicus im Bau. Damit war für mich erstmals der Bogen zur Museumswelt geschlagen.

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Grosses Modell des Murus Gallicus von oben. Hergestellt von Marius Rappo für das Historische Museum Basel (heute im Depot). 


Publikationen:

  • Oppidum Basel-Münsterhügel. Grabungen 1971/72 an der Rittergasse 5. Mit einem Exkurs zu den spätkeltischen Fundmünzen aus Basel
  • Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte 58, 1974/75, 77-111 (Lizentiatsarbeit)
  • Die Ausgrabungen im Basler Münster I. Die spätkeltische und augusteische Zeit. Untersuchungen zur spätkeltisch-frührömischen Übergangszeit in Basel, Band 1
  • Derendingen-Solothurn 1979 (Dissertation)
  • Der Murus Gallicus von Basel
  • Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte 63, 1980, 131-184
  • Frühe Auxilien am Rhein - Keltische Münzen in römischen Militärstationen Archäologisches Korrespondenzblatt 11, 1981, 231-246
  • Andres Furger, Cornelia Isler-Kérenyi , Stefanie Jacomet, Christian Russenberger und Jörg Schibler
  • Die Schweiz zur Zeit der Römer – Multikulturelles Kräftespiel vom 1. bis 5. Jahrhundert
  • (Zürich 2001)
  • Unter uns – Archäologie in Basel, hg. Von der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt und dem Historischen Museum Basel (Basel 2008)
  • Eckhardt Deschler-Erb, Basel-Münsterhügel am Übergang von spätkeltischer zu römischer Zeit


Vom Landesmuseum zum Nationalmuseum: Die Strategie

Die Entwicklung der neuen Strategie für das Landesmuseum des 21. Jahrhunderts setzte um 1990 ein und ist heute umgesetzt: Neues Sammlungszentrum in Affoltern, liberale Rechtsform, Integration der Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Zeitgeschichte, dauerhaft sanierte Räume in Zürich und als Krönung der Erweiterungsbau in Zürich.

Strategieentwicklung

Anfang 1987 übernahm ich die Direktion des Landesmuseums in Zürich mit vier angeschlossenen Bundesmuseen. Attraktive Sonderausstellungen und die Einrichtung weiterer Museen standen zunächst im Vordergrund. Die Sanierung von Schloss Prangings als Nationalmuseum in der Westschweiz und dessen Inhaltskonzeption waren im ersten Anlauf gescheitert (siehe dazu das ePaper „Nationalmuseum Schloss Prangings - in Etappen zum Erfolg“ unter www.academia.edu. Die Aufgleisung des Rettungsprojektes kostete viel Energie und Zeit, daneben aber wurden auch die Grundzüge einer Gesamtstrategie für die Museumsgruppe gelegt. Nach Eröffnung der neuen Häuser in Prangins und Schwyz und dem 100Jahr-Jubiläum in Zürich im Jahre 1998 war auch der politische Weg frei für die Realisierung einer nachhaltigen Strategie der ganzen Institution Landesmuseum. Mit dem Rückhalt der Landesmuseumskommission (Präsident Hans Wehrli) wurde die Gesamtstrategie mit den Bereichen
  • neue Rechtsform,
  • zentrales Sammlungszentrum,
  • inhaltliche Neuausrichtung und
  • Sanierung und Erweiterung des Hauptsitzes in Zürich
in einem aufwändigen Prozess, zusammen mit einer Organisationsentwicklung, angegangen (vgl. ePaper „Das Schweizerische Landesmuseum auf dem Weg ins 21. Jahrhundert“ unter www.acdemia.edu).
Ziel war eine Neuaufstellung der Organisation Landesmuseum für die kommenden Jahrzehnte. Gleichzeitig wurde im Sammlungsbereich erstmals der Schwerpunkt gezielt auf das Sammeln von Objekten des 20. Jahrhunderts gelegt und die Auseinandersetzung mit Themen der Zeitgeschichte im Rahmen von Wechselausstellungen favorisiert. Systematische Auswertungen im Rahmen der empirischen Sozialforschung bestätigten das primäre Interesse der Bevölkerung an der jüngsten Vergangenheit und der Zeitgeschichte. Die Neuausrichtung erfolgte unter Leitung des Direktors zusammen mit der Vizedirektorin (Regula Zweifel) und zugezogenen Fachkräften im Rechts- (Urs Allemann) und im Sammlungsbereich (Christof Kübler) sowie dem Museumsteam. Vom Bundesrat wurde ein entsprechendes Aussprachepapier 2002 verabschiedet, es folgten darauf aufbauend die entsprechenden Botschaftsanträge an die Räte in Bern (Botschaft vom 29. November 2002, BBl 2003 535ff., Bundesblatt Jahrgang 2003 Seite 535ff.). Der ganze Prozess ist in Publikationen und Berichten ausführlich dokumentiert (siehe auch das ePaper „Das neue Landesmuseum in Zürich – Der lange Weg bis zur Realisierung 2016“ unter www.academia.edu.


Sammlungszentrum

Die Initialzündung und das Vorbild zu einem zentralen Sammlungszentrum für die Schweizer Museumsgruppe stammen aus den USA. Im Jahre 1993 besichtigte ich im Rahmen einer Studienreise das Zentrallager der Smithonian Institution ausserhalb Washington D.C. Nach amerikanischem Vorbild wurde anschliessend in der Schweiz unter Leitung eines Naturwissenschaftlers (Nik Oswald) die bisher den verschiedenen Fachsektionen unterstellten Restauratorinnen und Restauratoren in eine eigene Abteilung zusammengeschlossen. Deren Arbeitsräume waren neben denen am Hauptsitz weit über die Stadt Zürich verstreut und die Objekträume in teilweise desolatem Zustand. Hier brauchte es einen kräftigen Befreiungsschlag, auch um das Stammhaus am Platzspitz frei für mehr Ausstellungsraum zu machen. Es folgte die Planung eines grossen zentralen Depots zusammen mit allen Werkstätten an einem neuen Ort ausserhalb der Stadt. Nach eingehender Evaluation konnte 1997 zunächst das alte Zeughaus in Affoltern am Albis übernommen und hergerichtet werden, schon mit Seitenblick auf das grosse neue Zeughaus in der Nachbarschaft. Parallel dazu wurde der Grundsatz der präventiven Konservierung anstelle der bisher üblichen Eingriffe (Restaurierung) eingeführt, nicht zuletzt nach der Ausbildung jüngerer Mitarbeiter im Ausland und nach dem Zuzug modern ausgebildeter Fachkräfte.

Nach mehrjährigen Umbauarbeiten konnten im Jahre 2006 die Arbeitsplätze im ehemaligen neuen Zeughaus bezogen werden. 2007 folgten die Schlussetappe des Ausbaus und die Einweihungsfeier. (Im Vorwort des Einweihungsbandes wird die Entstehung des Sammlungszentrums als „glückliche Fügung“ bezeichnet.)

Neue Rechtsform

Um 1990 gab der Internationale Museumsrat (ICOM) die Initialzündung zu neuen Rechtsformen grosser Museen. Weg von den öffentlichen Verwaltungen, hin zu Modellen, die mehr Handlungsspielraum gaben, hiess die Devise. Damals hatte der neue Museumsboom die Leistungsbereitschaft der Museen herausgefordert und den Konkurrenzdruck unter den Museen verschärft. Holland ging voran, Deutschland, Österreich und andere Länder folgten. Diese Gelegenheit wurde auch in Zürich beim Schopf gepackt; solchen Trends konnten sich niemand offen entziehen, zumal die Landesmuseumskommission unter Hans Wehrli sich selbst engagierte. Auch die neu gegründete Stiftung für das Landesmuseum und bedeutende Zuwendungen (Stiftung Hirzel) machten einen Anfang im brach liegenden Potential der Beschaffung von Drittmitteln.


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AltBundesrat Hans Hürlimann und Andres Furger bei der Vorstellung der neu gegründeten Stiftung für das Schweizerische Landesmuseum im Jahre 1988.

Die zur neuen Rechtsform formulierte „Botschaft“, wie die Parlamentsvorlage in der Schweiz genannt wird, wurde in jahrelanger Arbeit entwickelt, tausende von Seiten wurden produziert. Der Bundesrat legte den Antrag 2002 dem Parlament vor, er kreuzte sich indessen mit anderen Kulturvorlagen, wurde auf Eis gelegt, nach einigen Jahren schliesslich in leicht umgegossener Form genehmigt. Seit 1. 1. 2010 arbeiten die Landesmuseen unter der neuen Rechtsform und heissen seither Nationalmuseen. Damit ist die Grundlage geschaffen, langfristiger zu planen und zu handeln, mit Dritten verbindliche Partnerschaften einzugehen und Mäzene und Sponsoren vermehrt an die Institution zu binden.

Sonderausstellungen als Lern- und Entwicklungsprojekte

Im Jahre 1987 waren im Hauptgebäude von 1898 erstmals Räume für grössere Sonderausstellungen von überregionaler Geltung frei gespielt worden. Bald machten Wechselausstellungen, wie über das „Gold der Helvetier“, von sich reden und konnten - dank dem grosszügigen Sponsoring der damaligen Bankgesellschaft - in Lugano, Genf, Bern und Frankfurt am Main gezeigt werden. Das hatte es vorher und nachher nicht gegeben. Es folgten Sonderausstellungen mit engagierten Stellungnahmen und Hintergrundberichten zum Zeitgeschehen, wie 1992 zum Thema „Sonderfall? – Die Schweiz zwischen Réduit und Europa“. Furore machte 1994 die Präsentation „Himmel – Hölle – Fegefeuer“ in Zürich und Köln.

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Sonderausstellung „Himmel – Hölle- Fegefeuer“ von 1994 mit hochkarätigen internationalen Leihgaben.


Diese Aktionen, auch mit zugezogenen Gastkuratoren, verfolgten mehrere Absichten. Im Hinblick auf die neue Strategie sollte das Publikum spüren, dass mehr in der Institution Landesmuseum steckte, als es bislang in den alten Mauern zeigen konnte. Dann dienten Wechselausstellungen zu neuen Themen als Vorreiter, an neue Sammlungsobjekte heranzukommen, in Kombination mit der dritten Stossrichtung, das Museumsteam mit neuen Themen und Darstellungsformen vertraut zu machen sowie kreativen Externe für eine Zusammenarbeit mit dem Landesmuseum zu gewinnen.


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Blick in die Ruhmeshalle mit der Inszenierung „Waffen werfen Schatten“ von 2003.

Das Rezept ging auf. Das Landesmuseum konnte sich qualitativ steigern, auch in den Bereichen Publikationen und Inszenierungen. Teams, die danach im Landesmuseum ganze Dauerausstellungen einrichten konnten, wurden damals für Probeläufe, wie 2003 für „Waffen werfen Schatten“, eingeladen. Eine gekonnte Inszenierung gehört heute zur erfolgreichen Wechselausstellung, bei Dauerausstellungen allerdings empfiehlt sich eher Zurückhaltung. Erstens ist die starke Inszenierung teuer und zweitens „massgeschneidert“; damit verhindert sie meist die – heute unentbehrliche – laufende Anpassung der Dauerpräsentationen. Zweitens überstrahlen übermässige Inszenierungen auf Dauer oft die Objekte. Das Museum ist keine Theaterbühne, sondern lebt von den Originalobjekten. Sie sollen im Zentrum stehen und zwar so, dass man wiederkommt. Optische Reize hingegen hat man meist einmal für immer gesehen.

20. Jahrhundert und Zeitgeschichte

Sonderausstellungen brachten dem Landesmuseum nicht nur bedeutende Objekte und Objektgruppen zur Landesgeschichte, sondern auch neue kreative Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Konsequenterweise wurde eine neue Sammlungsabteilung für das 20. Jahrhundert gegründet. Damit einher ging die gezielte Akquisition von ganzen Sammlungen. Öffentliche Häuser sind beim Sammeln oft etwas träger als private Sammler aus Leidenschaft mit ihrer guten Nase für neueste Entwicklungen. 1994 wurde etwa die bedeutende, einige Tausend Fotos des 19. und 20. Jahrhunderts umfassende Sammlung des Basler Ehepaars Herzog erworben, inventarisiert, bearbeitet, ausgestellt sowie publiziert. Was hier in einem Satz ausgedrückt wird, umfasste jahrelange gezielte Arbeit.

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Pfahlbaudorf aus ungebranntem Lehm aus der Serie von David Fischli und Peter Weiss „Plötzlich diese Übersicht von 1982“; Geschenk der Künstler nach Abschluss der Sonderausstellung „Sonderfall Schweiz?“ von 1993.

Das zeigt etwa das Beispiel der Zürcher Textilsammlung Abraham. Nach der Sonderausstellung „Modedesign Schweiz“ von 1997 machten Modedesigner den Vorschlag, das Thema der kreativen Schweizer Szene im Bereich Textilproduktion aufzugreifen. Es folgte bald eine kleinere Show zum Schaffen der Zürcher Marke „Fabric Frontline“ im Museum Bärengasse. In privatem Rahmen wurden internationale Textilmessen in Paris und Como besucht. Da wurde deutlich, wie herausragend ostschweizerische Firmen wie Forster und Schläpfer arbeiteten. Mit dem kreativen Leiter der letzteren Firma, Martin Leuthold, und anderen Spezialisten konnte schliesslich in der Ruhmeshalle die grosse Präsentation „Bling Bling“ 2004/05 gezeigt werden. Im Umfeld dieser Ausstellung wurde eine Kollektion von Roben angekauft, die aus Schweizer Stoffen gefertigt waren, darunter natürlich der bekannten Zürcher Firma Abraham.


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Aus der Sonderausstllung „BlingBling“ von 2003/2004.

Während „BlingBling“ wurde Gustav Zumsteg, der Besitzer des Abraham- Archivs, wegen einer Übernahme seiner wohl geordneten Sammlung behutsam kontaktiert. Die Reaktion war verhalten positiv, der Eigentümer indessen nicht mehr entschlussfreudig. So blieb es bis zu seinem unerwarteten Tod im Jahre 2005. Es folgte dann sofort der Gang zum persönlich bekannten Nachlassverwalter, die Kontaktnahme mit den involvierten Kennern und der Zürcher Seidengesellschaft als Partner, zumal die Gefahr bestand, dass ausländische Firmen den Bestand übernehmen und „ausschlachten“ wollten. Bald lagen von allen Seiten die Zusagen vor, zumal der Verstorbene sich nach dem ihm entgegengebrachten Interesse, wie sich nachträglich herausstellte, immer wieder positiv gegenüber einer Übernahme seines sorgsam gehüteten Lebenswerkes geäussert hatte. Die materielle Entgegennahme des umfangreichen Materials samt Mobiliar mit anschliessender Bearbeitung in die Obhut des Landesmuseums wurde auf den Zeitpunkt der Fertigstellung geeigneter Räumlichkeiten in Affoltern vereinbart. Damit waren wieder ein qualitätvoller Fundus auf lange Zeit gesichert.

Sanierung des historischen Baus in Zürich und Erweiterungsplanung

Das markante Landesmuseum-Schloss in Zürich von 1898 war schnell und mit neuen Materialien hochgezogen werden. Die statischen Probleme waren seit jeher bekannt, Rissbildungen unübersehbar. Als die Stadt Zürich in der Nachkriegszeit dem Bund unter dem schlauen „Stapi“ Emil Landolt, damals auch Präsident der Landesmuseumskommission, das schadhafte Gebäude dem Bund übergeben konnte, musste die bisherige Eigentümerin nicht mehr als 6 Millionen Franken als Pauschalentschädigung zahlen und wurde damit aus der Unterhaltspflicht entlassen. Diese wurden dann im Wesentlichen für Pinselrenovierungen verbraucht, um die eigentliche Sanierung drückten sich die neuen Verantwortlichen. 1994 kam es schliesslich zum Eklat, nämlich zu einer Notschliessung einiger Flügel. Jetzt handelte das Baufachorgan. Parallel dazu hatte die Museumsdirektion schon seit 1987 an Plänen für eine Erweiterung arbeiten lassen, die die Machbarkeit einer Erweiterung auswiesen. Aus politischen Gründen mussten aber erst die neuen Museen in Prangins und in Schwyz realisiert werden. Das war, wie erwähnt, 1998 der Fall, jetzt konnte im Rahmen der Gesamtstrategie offen gehandelt werden. Ziel war die Totalsanierung des Altbaus als reines Ausstellungshaus sowie ein grosszügiger Erweiterungsbau auf der Grundlage eines internationalen Architekturwettbewerbs.

Direktion und Museumsteam stellten sich der Aufgabe, ein solches Projekt neben der üblichen Führung einiger Museen über Jahre hinweg zu bewältigen. Und das bald einmal im Wissen, dass die Realisierung lange dauern würde. Planen und Bauen im Schosse einer Staatsverwaltung und in einer (fast) fertig gebauten Stadt ist kein Kinderspiel. Die wichtigsten ersten Etappen waren die Festlegung des Raumprogramms, die Ausrichtung eine Ideenwettbewerbs, die Jurierung der eingereichten Vorschläge und der Beginn der Sanierungsarbeiten.

Parallell dazu wurde das Projekt intensiv beworben und es wurden wesentliche finanzielle Zusagen von Dritten gesichert. Am Anfang stand eine umfassende Planung, dann wurde das Raumprogramm deutlich verkleinert, was die Akzeptanz wesentlich erhöhte. 2006 war die baurechtliche Bahn frei.

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Das Beispiel Landemuseum zeigt es wieder: Die Anpassung eines Traditionshauses an die Erfordernisse der Zeit nimmt nicht Jahre, sondern Jahrzehnte in Anspruch. So dauerte allein der Aufbau des Sammlungszentrums, wie die Bausanierung in Zürich auch, fast 10 Jahre, die Umwandlung in eine neue Rechtsform noch länger und der Erweiterungsbau hat vom ersten seriösen Planungsschritt bis zur Eröffnung über 20 Jahre in Anspruch genommen. So lange ist indessen nicht dieselbe Direktion im Amt. Umso wichtiger sind eine gut fundierte Strategie und Ausführungsplanung in Etappen. Beim Direktionswechsel im Jahre 2006 war die Arbeit der nächsten Jahre ausgesteckt, es lag eine klare Ausgangssituation vor. Auf bestelltem Feld ging der Stab vom Kulturhistoriker Andres Furger an den Betriebswirt Andreas Spillmann über.
Ein Defizit blieb indessen infolge der grossen Anstrengungen auf den physischen Baubereich zurück: das Bauen im virtuellen Bereich. Diesem Thema konnte ich mich dann an der Spitze des von Nestlé gestifteten Alimentariums in Vevey zwischen 2012 und 2014 widmen, nämlich mit der Konzeption und dem Aufbau eines eigentlichen digitalen Museums (dazu das ePaper „Neue Strategie für das Alimentarium: Konzentration in Vevey – Expansion im Netz“ unter www.academia.edu)

 

Publikationen:

  • Gold der Helvetier, Keltische Kostbarkeiten aus der Schweiz Katalog zur Ausstellung des Schweiz. Landesmuseums Einsiedeln 1991
    (Übersetzungen ins Französische, Italienische und Englische)
  • Das Schweizerische Landesmuseum im Wandel. In: "Die Nation und ihre Museen"
    Frankfurt/New York 1992
  • Im Licht der Dunkelkammer: Die Schweiz in Photographien des
    19. Jahrhunderts aus der Sammlung Herzog – Révélations de la chambre noir: La suisse du XIXe siècle à travers les photo-graphies de la collection Herzog Basel 1994
  • Das Schweizerische Landesmuseums auf dem Weg ins 21. Jahrhundert Zeitschrift für Archäologie und Kunstgeschichte 57, 2000, Heft 1
  • Um- und Ausbauprojekte für das Schweizerische Landesmuseum in Zürich Renaissance der Kulturgeschichte? Herausgegeben von A. Joachimides und S. Kuhrau
    Dresden 2001, 211 – 219
  • BlingBling – Stoffe zum Träumen. Ausstellung im Schweizerischen Landesmuseum Zürich, 27.8.2004-9.1.2005
    Beilage zu: Hochparterre 9/04, Zürich 2004
  • Das neue Landesmuseum Zürich – Konzepte und Visionen. Zeitschrift für Archäologie und Kunstgeschichte 63, 2005, Heft 1.


Wie kommt man auf Pferd und Wagen?

Die Einrichtung eines Kutschenmuseums bei Basel war der Anfang der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Pferd und Wagen. So, wie als Archäologe nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit der Hand gearbeitet wird, folgte hier eine praktische Tätigkeit als Reiter und Fahrer.

Die Einrichtung eines Kutschenmuseums bei Basel war der Anfang der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Pferd und Wagen. So, wie als Archäologe nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit der Hand gearbeitet wird, folgte hier eine praktische Tätigkeit als Reiter und Fahrer. Anfangs 1981 im Historischen Museum Basel: Direktor Hans Lanz ruft mich in sein Büro und drückt mir einen Schlüsselbund in die Hand. „Das sind die Schlüssel zum Kutschendepot in Riehen, schauen sie sich dort um, sie müssen ein Kutschenmuseum einrichten, viel Zeit haben wir nicht.“

Erst kurz zuvor hatte ich dort eine Stelle als Kurator angetreten. Als vom quirligen Präsidenten der Museumskommission angeworbener Archäologe sollte ich vor allem die verwaiste archäologische Abteilung führen. Wie anderen Kuratoren- Kollegen auch, waren mir indessen auch andere Abteilungen zugeteilt worden, darunter die so genannte „allgemeine Abteilung“, zu der auch die historischen Verkehrsmittel gehörten. - Ich machte mich also auf ins Depot und stand zunächst etwas ratlos vor den magazinierten Kutschen und Schlitten, die alte Basler Familien in vergangenen Jahrzehnten dem Museum geschenkt hatten. Eigentlich hatte ich ganz anderes vor, nämlich weiter eine aktive Rolle in der Archäologie-Szene Basels zu spielen.  Bald wurde klar, dass der Auftrag ernst zu nehmen war. Dahinter stand das Kommissionsmitglied Hans Meier, Direktor der einflussreichen Christoph Merian Stiftung. Er hatte die eben zu Ende gegangene Schweizer Gartenbauausstellung „Grün 80“ im nahen Brüglingen initiiert. Nach deren Ende wurde die grosse Scheune gegenüber dem Pächterhaus bei der Merian-Villa leer geräumt. Er hatte die zündende Idee, innerhalb des im Aufbau befindlichen Botanischen Gartens ein Museum für Kutschen und Schlitten entstehen zu lassen, damit die Besucher des Merian-Parks bei schlechtem Wetter auch etwas Kulturelles geboten werden könne.

Langsam machte ich mich mit dem neuen Gebiet vertraut und warf mich schliesslich mit Verve in die Aufgabe, zumal nur wenige Monate bis zur Eröffnung der  Museumsscheune veranschlagt waren. Damals war die Vergangenheit Basels als Stadt der schönen Pferde und herrschaftlichen Chaisen noch etwas lebendig, Hans Meier war, wie viele andere Basler auch, Reiter gewesen. Ich hatte jedoch dieser Welt bislang fern gestanden.

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Der Phaeton von Alexander Clavel vor dem Pächterhaus in Brüglingen.

Die Eröffnung des Kutschemuseums in Brüglingen

Im Frühjahr 1981 wurden also die Kutschen aus dem Depot nach Brüglingen transportiert und dort im Erdgeschoss aufgestellt. Weitere schöne Wagen kamen aus dem ehemaligen Besitz Alexander Clavels vom Wenkenhof dazu, darunter sein rotbrauner Phaëton mit Halbverdeck. Hintergrundwissen zum neuen Thema bezog ich bei älteren Basler Carrossiers wie Alfred Heimburger, Alfred Kölz oder Alfred Köng, die in der Jugendzeit selber noch die Zeit des Kutschenbaus miterlebt hatten. Sie gaben bereitwillig Auskunft. Dazu kam die Hilfe vom damals besten Sammler und Kenner alter Kutschen der Schweiz, Robert Sallmann in Amriswil.

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Gespräch mit Alfred Heimburger1984; Filmstill au einer Videoaufzeichnung.

Pünktlich konnte die Eröffnung stattfinden; vor der Museumsscheune standen vier angespannte historische Wagen. Dafür hatte ich Kontakt mit der lokalen Fahrsportgruppe aufgenommen. Damals wurde Kutschenfahren eben eine aufstrebende Disziplin der FEI, die Schweizer waren mit der Berner Militärpferde-Anstalt (EMPFA) führend mit dabei. Am Eröffnungstag des neuen Museums fuhren also die Gespanne zweier Landwirte, des Fahrsport-Präsidenten und eines jungen Fahrer namens Daniel Würgler vor. Jetzt sah ich erstmals diese funktionalen Objekte in Gebrauch. Und ich war begeistert!

Kindheitserinnerungen wurden wach. In Binningen, wo ich aufgewachsen war, kam in meiner Kinderzeit noch die Gemüsefrau aus dem Elsass mit dem angespannten Bockwagen vors Haus gefahren, auch der Milchmann war mit einem Pferdewagen unterwegs. Noch heute sehe ich, wie er im Winter unter dem Schein der Wagenlaterne mit fingerlosen wollenen Handschuhen meiner Mutter das „Uusegäld“ aus dem runden, gefältelten Lederbeutel herauszählt. Lebendig wurde auch, wie am Sonntagmorgen auf dem Bauernhof des Mitschülers Schmutz den abfahrbereiten Pferden vor dem glänzenden Break die Hufe geschwärzt wurden.


Praktisches Fahren

Sofort nach der Museumseröffnung begann ich mit praktischem Fahrunterricht bei Daniel Würgler, der soeben zwei Militärpferde in einem gemieteten Stall eingestellt hatte. (Nachher wurde er zu einem der weltweit besten Viererzugfahrer.) Damals begann er sein Geld als Hochzeitskutscher zu verdienen. Bald einmal durfte ich mit geliehenen Pferden ebenfalls mit; in der harten Praxis lernt man am besten. Dann ging es bald mit Frau und den kleinen Buben, Basil und Thierry, vom Leimental aus auf Ferienfahrt einspännig ins Elsass. Schliesslich nahte die Fasnacht. Wer im Birsigtal Pferd und Wagen besass, liess sich als Chaisenkutscher verpflichten. Das mutete ich mir ebenfalls zu, obwohl es nicht ungefährlich war – und anstrengend. Morgens wurden Pferd und Wagen geputzt, dann von Biel-Benken in die Stadt getrabt, im Cortège durch ein Meer von Menschen gefahren und schliesslich abends wieder zurückgetrabt, nicht selten in klirrender Kälte und bei Schneefall.

Der Winter. In Brüglingen standen ja nicht nur Kutschen, sondern auch besonders schöne Schlitten. Insgeheim hoffte ich schon länger auf viel Schnee. Bald einmal war es so weit, eines Abends im kalten Januar fiel viel Schnee und es sollte noch mehr werden. Ich trommelte also abends meine neuen Pferdefreunde zusammen und bestellte sie mit ihren Pferden auf den nächsten Morgen auf den Münsterplatz, ebenso wie einen Camion nach Brüglingen. Dort wurden noch in der Dunkelheit eine Handvoll Schlitten verladen und auf den Münsterplatz verbracht. Die Passanten staunten nicht schlecht, als frühmorgens - wie vor hundert Jahren - Schlittengeschell und Pferdeschnauben den Platz erfüllten.

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Angespannte Museumsschlitten auf dem Münsterplatz 1985.

Dazu kamen in der Folge im Sommer so genannte Cortège d’équipages. Fahrerinnen und Fahrer aus der ganzen Schweiz kamen mit ihren ganzen Gespannen nach Brüglingen und lösten bei den Zuschauern Staunen aus. Es waren noch die Zeiten, als die Museumsdirektion die Benützung historischer Wagen erlaubte, selbst im Jagdwagen der Familie Paravicini Platz nahm und sich wie in alten Zeiten in die Langen Erlen zum Picknick ausfahren liess.

Mündliche Überlieferungen

Das Echo auf diese Aktionen war in Basel ansehnlich, auch in der Presse – jetzt wusste fast jeder in der Stadt, dass es ein neues Museum für Kutschen und Schlitten gab. Und wir bekamen immer mehr Objekte geschenkt, neben Fahrzeugen auch Dokumente und Photographien. Eine davon zeigt eine Werkstatt mit dem Wagner Alfred Köng (mit Planrolle), dem gleichnamigen Vater des schon genannten Carrossier Köng, der mit die schönsten Autokarosserien der Schweiz gebaut hatte (darunter den heute in Mülhausen stehenden Bentley von Alexander Clavel). Alfred Köng hatte seine Karriere, die ihn bis nach Detroit in Amerika führte, in der Werkstatt des Vaters begonnen. Darüber berichtete er: „Ich habe mein Formempfinden in der Ausbildung bei meinem Vater herausgebildet. Am Anfang durften wir Lehrlinge nur Räder machen. Bei der Anfertigung der Speichen mittels des Ziehmessers bläute mir mein Vater präzis ein, wie die vordere gerade Fläche, Spiegel genannt, mit einer Kante von den sanften Rundungen abgesetzt werden musste. Das schulte mein Auge fürs Leben, jede Speiche ist eine kleine Skulptur!“


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Rechts der Wagnermeister Alfred Köng in der Wagenschmiede Letzkus in Basel um 1900.

Das Kutschenmuseum im Botanischen Garten zog nach und nach viele Interessierte an. Dazu gehörte eines Tages Rudolf Meier-Börlin, der sich mir als „letzten Basler Wagenmaler“ vorstellte. Er war bereits über 70 Jahre alt und gesundheitlich etwas angeschlagen, seine Augen begannen vor den alten Wagen aber zu leuchten. Ich fragte ihn über seine frühere Arbeit aus und er begann flüssig zu berichten. Schliesslich anerbot er sich, wieder tätig zu werden. Wir fackelten nicht lange, räumten eine Ecke des Museums frei und richteten ihm eine Werkstatt ein. Eine soeben angekaufte Kalesche der Zeit um 1820 war in einem so schlechten Zustand, dass die alte Bemalung nicht zu retten war. Diese Kutsche nahm er sich vor, begann zu schleifen und zu spachteln. Jetzt ging es ihm immer besser. Schliesslich folgte die Neubemalung nach den vorgefunden Farbresten. Voll ins Element kam er bei der Linierung als letztem Akt. Er brachte seine langhaarigen Schlepperpinsel von zu Hause mit, tauchte sie mit zittriger Hand in die rote Farbe auf der Palette und zog schliesslich mit routiniertem Zug die feinsten Linien auf die lackierten Flächen. Kaum angesetzt, wurde die Hand ruhig, wie in alten Zeiten. Er gehöre schliesslich noch zum alten Schlag der Handwerker, die früher „mit den Augen stehlen mussten“, wie er meinte. Schliesslich konnte ich ihn überreden, einige Geheimnisse seines Handwerks preiszugeben; er verfasste 1982 eine Broschüre mit dem Titel „Die Handlackierung alter Kutschen, Schlitten und Autos“, die wir im Museum erfolgreich verkauften.

Der Wagenmaler war nicht der einzige, der interessante Geschichten zu erzählen wusste. Es konnten auch alte Basler für den freiwilligen Museumsdienst verpflichtet werden, die den Besuchern bereitwillig über die alten Zeiten Auskunft gaben. Zu diesen Zeitzeugen gehörte der ehemalige Oberleutnant Iselin, der im Zweiten Weltkrieg noch sein Dienstpferd vor seinen Dogcart gespannt hatte. Oder die Nachkommen aus den beiden Droschkenanstalten Keller und Settelen öffneten bereitwillig ihre Archive. So kam in kurzer einiges Wissen zusammen, das 1982 in einem Büchlein mit dem Titel „Kutschen und Schlitten aus dem alten Basel“ der Stiftung für das Historische Museum Basel veröffentlicht wurde.


Das Experiment mit dem keltischen Streitwagen

Am Basler Museum wurde ich mit den Jahren zu einem Mann mit den zwei Forschungsgebieten Archäologie und historische Wagen. Mit einem Experiment verband ich die Arbeit über die Welt der Kelten mit der der Fahrzeuggeschichte: In keltischen Gräbern wurden wiederholt eiserne Teile von Streitwagen gefunden, die man nicht recht zuordnen konnte. Ein funktionsfähiger keltischer Zweiradwagen war noch nie 1:1 rekonstruiert und einem Fahrtest unterzogen worden. Also wurde mit dem Nachbau eines „essedum“ begonnen, wie dieses Modell in den alten Quellen genannt und auch auf Münzen abgebildet wurde (dazu das ePaper „Der gefederte keltische Wagen und seine kulturgeschichtliche Bedeutung“ unter www.academia.edu). Von meinen Irland-Reisen hatte ich zudem Kenntnis von alten irischen Sagen, in denen der Streitwagen eine wichtige Rolle spielte. In den entsprechenden Texten fielen Passagen auf, die auf eine frühe Federung hindeuteten und ungeklärte Grabfunde zu erklären halfen.
Das Projekt des Nachbaus eines Streitwagens wurde mit dem über 80jährigen, aber rüstigen Wagner alter Schule namens Walter Ritter im solothurnischen Kappel besprochen. Der begann sich sofort für das Projekt zu begeistern. Als ich ihm Zeichnungen ungeklärter längliche Eisenteile vorlegte, die im Bereich von Radnaben gefunden wurden, erwiderte er spontan: „Das sind Legeisen“. Er, der in der Lehrzeit noch manche Bauernwagen mit konischen Holzachsen gebaut hatte, kannte die Eisenverstärkungen auf den Laufflächen noch, die ein zu starkes Abreiben der Auflageflächen auf den Achsstummeln verhinderten. Form und Funktion waren während über 2000 Jahren unverändert geblieben!

Nicht ganz so glatt ging es bei den Rädern. Ich zeigte dem alten Wagner Bilder eines Radfundes von La Tène am Neuenburgersee aus der Zeit um 200 v. Chr. (Die Kelten waren im Bereich des Wagenbaues führende Handwerker gewesen.) Das massiv gebaute Rad zeigte eindeutig eine einteilige, im Dampf gebogene Holzfelge, während bei uns im 19. und 20. Jahrhundert nur zweiteilige Felgenbügel bekannt waren. Gefragt waren aber Räder mit einteiligen Felgen. Seine spontane Antwort: „Das ist unmöglich!“ Die Felge könne er schon im Dampf zu einem Kreis biegen, aber das Einspeichen des Sterns (Nabe mit eingeschlagenen Speichen) sei nicht zu machen. Meine Antwort war: „Wenn das früher möglich war, müsste es doch heute auch gehen.“ Diese Bemerkung liess ihn nicht mehr los. Einen Monat später hatte ich die Räder mit der einteiligen Felge. Beim Abholen verriet er mir dann auch seine Lösung. Er konstruierte einen gegenüber der Felge etwas grösseren Hilfsreif aus Stahl, spannte mit Zwingen den kreisrunden Felgenbügel behutsam auseinander, schob den Radstern hinein und löste Zwinge um Zwinge, bis das Rad fertig eingespeicht war.

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Experiment mit dem nachgebauten keltischen Streitwagen 1986: Daniel Würgler an den Leinen, Andres Furger beim Speerwerfen.

Der Wagen mit der schwimmenden Plattform war fertig, jetzt wollte ich ihn im Experiment testen. Zwei Freibergerpferde von Daniel Würgler wurden nach alter Art unter das Joch gespannt. Zuerst gab es noch Bedenken, weil heute Pferde Fahrzeuge über Zugstränge ziehen, in der Antike aber der Zug vom Joch auf die Deichsel übertragen wurde. Die Pferde liessen sich das aber gefallen. Mein Freund spielte den sitzenden Wagenlenker, ich den stehenden Krieger. So ratterten wir ohne Probleme durch Wald und Feld. Die schwimmend aufgehängte Plattform erlaubte dem „Krieger“ die Mitfahrt in stehender Haltung. Jetzt wollte ich das Experiment nachvollziehen, wie es Caesar für britannische Streitwagenkrieger überlieferte: Der Krieger klettert in voller Fahrt auf der Deichsel nach vorne, steht aufs Joch und schleudert die Wurflanze ab. Wir begannen mit dem ersten Test langsam mit stehendem Gespann: Behutsam balancierte ich über die Deichsel nach vorne, setze einen Fuss aufs Joch, liess mir von hinten die Lanze reichen und setze zum Wurf an. Wie die Pferde aber die Waffe von hinten kommen sahen, setzen sie zum Sprung an. Mich katapultierte es im Rückwärtssalto nach hinten und ich landete zwischen Hinterhufen und Rädern, eine intuitiv vollzogene Seitenrolle rettete mich vor dem überrollt werden. Dabei liessen wir es dann. Mittlerweile hatte ich meine neue Stelle am Landesmuseum angetreten und konnte mir keinen gröberen Unfall erlauben. Dort sollte die Rekonstruktion ausgestellt werden; da wollte ich das Objekt – und mich – nicht zu lädiert präsentieren. Der Nachweis war ja erbracht, dass es schon in keltischer Zeit Wagen mit schwimmend aufgehängter Plattform gab. Bisher kannte man das erst aus römischer und mittelalterlicher Zeit, vor allem bei Reisewagen, wie etwa eine Abbildung aus der Chronik Diepold Schillings von 1474 zeigt (dazu das ePaper „Der gefederte keltische Streitwagen und seine kulturgeschichtliche Einordnung“ unter www.academia.edu.
Nationale und internationale Ausrichtung


Nationale und internationale Ausrichtung

Im Landesmuseums Zürich, wohin ich 1987 gewechselt hatte, steht seit der Eröffnung als Schlüsselobjekt der letzte erhaltene Gotthard-Kurswagen im Eingangsbereich. Diesen nahm ich genauer unter die Lupe und wollte mehr über den Einsatz am Gotthard in Erfahrung bringen. Mit Daniel Würgler, der im Sommer jeweils kommerzielle Fahrten über den Gotthard durchführt, konnte ich zweimal in einer nachgebauten Kutsche von Andermatt nach Airolo über den Pass fahren, über längere Strecken selber die Leinen zum Fünfergespann führend. Dieser Erfahrungen schlugen sich dann auch in einem kleinen Werk über den Gotthard-Wagen nieder.
Später wurde auch die originale Postkutsche des Landesmuseums originalgetreu angespannt. So fuhr ich zur Eröffnung des neuen Museums in Prangins mit treuen Begleitern und gefolgt von Gespannen von Fahrfreunde aus der Westschweiz 1998 an den Genfersee.

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Fahrt nach Prangins im Jahre 1998 mit dem originalen Gotthard-Postwagen.

Im Laufe der Zeit begann ich die erhaltenen Kutschen schweizerischer Provenienz systematisch zu sammeln. Das war der Start zum Buch „Kutschen und Schlitten in der Schweiz“ von 1993. Dieses wurde ermöglicht durch die grosszügige Unterstützung von Heiner Sarasin, der als passionierter Basler Reiter alter Schule eine grosse hippologische Bibliothek angelegt hatte. Damals gab es noch keine übergreifenden Publikationen zu diesem Thema. Mir kam dabei die Ausbildung als Archäologe zupass; bei den Kutschen musste man - wie bei archäologischen Funden - die Objekte gewissermassen „aussaugen“, ihnen ein Maximum an Aussagen abgewinnen.
Die Publikationstätigkeit im zweiten Forschungsgebiet brachte mich immer mehr in Kontakt mit ausländischen Spezialisten, auch auf ICOM-Kongressen. Schliesslich begann ich Kutschen aus ganz Europa zu untersuchen und Quellen zu sammeln. Das führte zum zweibändigen Werk „Kutschen Europas“ von 2003/04, das international gut aufgenommen wurde. Gemäss dem Grundsatz „ad fontes“ des Humanisten Erasmus (über den ich in Basel eine Sonderausstellung kuratiert hatte) stützte ich meine Bestimmungen und Datierungen vor allem auf alte Quellen ab, insbesondere auf Fachzeitschriften des 19. Jahrhunderts.

Als Ausgleich zur intensiven Arbeit eines Museumsdirektors hatte ich mir in Zürich ein eigenes Pferd zugelegt, begann ebenso intensiv zu fahren wie zu reiten.
Nach dem Rücktritt von der Direktion des Landesmuseums und dem Umzug nach Basel im Herbst 2006 gründete ich 2007 den Verlag „Edition Furger“, in dem einige Werke zum Thema Pferd und Wagen erschienen, und intensivierte das sportliche Reiten und Fahren auch mit längeren Touren ins nahe Elsass. Dort nahm ich wenig später auch Wohnsitz, unterbrochen durch längere Forschungsreisen sowie die Tätigkeit als Fahrrichter an Turnieren in verschiedenen Ländern.

Das neue Forschungsgebiet über Pferd und Wagen nahm zunehmend mehr Zeit meiner Forschungstätigkeit in Anspruch. Im Rückblick auf über 30 Jahre in dieser Domäne stelle ich fest, wie schnell sich die Zeiten verändert haben. Wie stark der Faden zu den letzten Ausläufern der Kutschenzeit gerissen ist, zeigte mir die Vorbereitung zu einer Arbeit über die bis 1960 bestehende Basler Carrosserie Kauffmann, Reinbolt & Christe (dazu das ePaper „Von der Chaise zum Cabriolet“ unter ww.academia.edu). Während um 1980 noch manche Zeitzeugen zum Thema Kutschenbau befragt werden konnten, ist dies heute fast unmöglich geworden. Schlüsselerlebnisse wie das oben geschilderte mit dem Legeisen sind heute in Westeuropa kaum mehr möglich. Es gibt fast keine Handwerker mehr, die Wagen nach alter Tradition zu bauen gelernt haben.

Hier geht es um mehr als eine nostalgische Erinnerung; fast lautlos verschwindet die über tausendjährige Geschichte des Zusammenlebens von Mensch und Pferd im Alltag. Das wurde mir bei den Vorbereitungen zum Buch „Fahrkunst“ bewusst, in dem die alten Fahrtechniken untersucht wurden, von der antiken Quadriga über das bäuerliche Fuhrwerk der Frühen Neuzeit bis zum Luxuswagen des letzten Jahrhunderts. Was bei uns über Jahrhunderten gang und gäbe war, etwa das Führen der Pferde mit einer („Stoss-„)Leine und den entsprechenden Stimmhilfen (Hüst und Hott) ist heute fast nur noch in osteuropäischen Ländern zu finden.

In einer Zeit des schnellen Wandels scheint es spannend und lohnend, etwas von dem mit kriminalistischer Spurensuche - mit der ja auch die Archäologie arbeitet - für die Nachwelt festzuhalten, was im Schwinden begriffen ist. Dabei muss man immer weiter reisen, in die Tiefe wie in die Weite, um fündig zu werden. Wie in der Archäologie findet man oft nur das, wonach man sucht. Hier die Sinne zu schärfen und zu retten, was zu retten ist, gehört zu meiner Passion.

Epilog

Gerissener Faden zur Kutschenzeit? Im Herbst 2016 wurde das Kutschenmuseum in Brüglingen sang- und klanglos geschlossen. Die historischen Fahrzeuge verschwanden im Museumsdepot.

 

Publikationen:

  • Kutschen und Schlitten aus dem alten Basel (Basel 1982)
  • Der Gotthard-P