Im Landesmuseums Zürich, wohin ich 1987 gewechselt hatte, steht seit der Eröffnung als Schlüsselobjekt der letzte erhaltene Gotthard-Kurswagen im Eingangsbereich.

Diesen nahm ich genauer unter die Lupe und wollte mehr über den Einsatz am Gotthard in Erfahrung bringen. Mit Daniel Würgler, der im Sommer jeweils kommerzielle Fahrten über den Gotthard durchführt, konnte ich zweimal in einer nachgebauten Kutsche von Andermatt nach Airolo über den Pass fahren, über längere Strecken selber die Leinen zum Fünfergespann führend. Dieser Erfahrungen schlugen sich dann auch in einem kleinen Werk über den Gotthard-Wagen nieder.

Später wurde auch die originale Postkutsche des Landesmuseums originalgetreu angespannt. So fuhr ich zur Eröffnung des neuen Museums in Prangins mit treuen Begleitern und gefolgt von Gespannen von Fahrfreunde aus der Westschweiz 1998 an den Genfersee.

Im Laufe der Zeit begann ich die erhaltenen Kutschen schweizerischer Provenienz systematisch zu sammeln. Das war der Start zum Buch „Kutschen und Schlitten in der Schweiz“ von 1993.

Dieses wurde ermöglicht durch die grosszügige Unterstützung von Heiner Sarasin, der als passionierter Basler Reiter alter Schule eine grosse hippologische Bibliothek angelegt hatte.

Damals gab es noch keine übergreifenden Publikationen zu diesem Thema. Mir kam dabei die Ausbildung als Archäologe zupass; bei den Kutschen musste man – wie bei archäologischen Funden – die Objekte gewissermassen „aussaugen“, ihnen ein Maximum an Aussagen abgewinnen.

Die Publikationstätigkeit im zweiten Forschungsgebiet brachte mich immer mehr in Kontakt mit ausländischen Spezialisten, auch auf ICOM-Kongressen. Schliesslich begann ich Kutschen aus ganz Europa zu untersuchen und Quellen zu sammeln. Das führte zum zweibändigen Werk „Kutschen Europas“ von 2003/04, das international gut aufgenommen wurde.

Gemäss dem Grundsatz „ad fontes“ des Humanisten Erasmus (über den ich in Basel eine Sonderausstellung kuratiert hatte) stützte ich meine Bestimmungen und Datierungen vor allem auf alte Quellen ab, insbesondere auf Fachzeitschriften des 19. Jahrhunderts.

Als Ausgleich zur intensiven Arbeit eines Museumsdirektors hatte ich mir in Zürich ein eigenes Pferd zugelegt, begann ebenso intensiv zu fahren wie zu reiten.

Nach dem Rücktritt von der Direktion des Landesmuseums und dem Umzug nach Basel im Herbst 2006, gründete ich 2007 den Verlag „Edition Furger“, in dem einige Werke zum Thema Pferd und Wagen erschienen, und intensivierte das sportliche Reiten und Fahren auch mit längeren Touren ins nahe Elsass.

Dort nahm ich wenig später auch Wohnsitz, unterbrochen durch längere Forschungsreisen sowie die Tätigkeit als Fahrrichter an Turnieren in verschiedenen Ländern.

Das neue Forschungsgebiet über Pferd und Wagen nahm zunehmend mehr Zeit meiner Forschungstätigkeit in Anspruch. Im Rückblick auf über 30 Jahre in dieser Domäne stelle ich fest, wie schnell sich die Zeiten verändert haben. Wie stark der Faden zu den letzten Ausläufern der Kutschenzeit gerissen ist, zeigte mir die Vorbereitung zu einer Arbeit über die bis 1960 bestehende Basler Carrosserie Kauffmann, Reinbolt & Christe (dazu das ePaper „Von der Chaise zum Cabriolet“ unter www.academia.edu).

Andres Furger Pferd und Wagen Ausfahrt mit original Gotthard Postwagen
Fahrt nach Prangins im Jahre 1998 mit dem originalen Gotthard-Postwagen

Während um 1980 noch manche Zeitzeugen zum Thema Kutschenbau befragt werden konnten, ist dies heute fast unmöglich geworden. Schlüsselerlebnisse wie das oben geschilderte mit dem Legeisen sind heute in Westeuropa kaum mehr möglich. Es gibt fast keine Handwerker mehr, die Wagen nach alter Tradition zu bauen gelernt haben.

Hier geht es um mehr als eine nostalgische Erinnerung; fast lautlos verschwindet die über tausendjährige Geschichte des Zusammenlebens von Mensch und Pferd im Alltag. Das wurde mir bei den Vorbereitungen zum Buch „Fahrkunst“ bewusst, in dem die alten Fahrtechniken untersucht wurden, von der antiken Quadriga über das bäuerliche Fuhrwerk der Frühen Neuzeit bis zum Luxuswagen des letzten Jahrhunderts. Was bei uns über Jahrhunderten gang und gäbe war, etwa das Führen der Pferde mit einer („Stoss-„)Leine und den entsprechenden Stimmhilfen (Hüst und Hott) ist heute fast nur noch in osteuropäischen Ländern zu finden.

In einer Zeit des schnellen Wandels scheint es spannend und lohnend, etwas von dem mit kriminalistischer Spurensuche – mit der ja auch die Archäologie arbeitet – für die Nachwelt festzuhalten, was im Schwinden begriffen ist. Dabei muss man immer weiter reisen, in die Tiefe wie in die Weite, um fündig zu werden. Wie in der Archäologie findet man oft nur das, wonach man sucht. Hier die Sinne zu schärfen und zu retten, was zu retten ist, gehört zu meiner Passion.